Das Interview

„Vor Verantwortung bin ich noch nie davongelaufen“

InterviewSchnaitsee. Nach 24 Jahren im Amt räumt Vitus Pichler seinen Bürgermeisterstuhl im Schnaitseer Rathaus – den Stuhl, den der 47-jährige Thomas Schmidinger erobern will. Der Landwirt und Bürgermeisterkandidat sprach mit dem Redakteur Andreas Falkinger über seine Ambitionen.

Herr Schmidinger, in Schnaitsee geht eine Ära unwiderruflich zu Ende. Wenn das Bürgermeisteramt 24 Jahre lang in denselben Händen liegt, ist das dann Kontinuität oder eher Stagnation?

Thomas Schmidinger: „Kommunalpolitik ist immer ein Miteinander von Bürgermeister und Gemeinderat. Beide Seiten gestalten die Gemeindepolitik. Natürlich treffen da unterschiedliche Anschauungen aufeinander. Aber es geht grundsätzlich darum, die besten Lösungen für die Gemeinde zu finden. Der Bürgermeister muss seine eigene Handschrift haben, doch der Gemeinderat gestaltet mit. Die Aufgaben, die anstehen, sind gemeinsam zu bewältigen – und es sind immer wieder neue Aufgaben. Allein deshalb kann man nicht von ,Stagnation‘ sprechen. Außerdem: Vitus Pichler wurde drei Mal im Amt bestätigt. Er hat sich das Vertrauen der Wähler offensichtlich verdient. Vor Pichlers Leistung kann man nur Respekt haben. Dass ich einiges anders machen würde – und nach der Entscheidung am 16. März hoffentlich auch anders machen kann, ist doch völlig klar.“

Ihr Amtsantritt stünde dann also unter dem Motto „Neue Besen kehren gut“?

Schmidinger: „Das Sprichwort geht noch weiter: ,Aber die alten Besen kennen die Ecken besser.‘ Nein, im Ernst – Fakt ist: Ich gehöre zur nächsten Generation. Mein jüngster Sohn ist elf Jahre alt. Da ist es doch ganz natürlich, dass ich beispielsweise an den Themen, die junge Menschen, junge Familien bewegen, viel näher dran bin und eine andere Sicht auf die Dinge habe als unser zukünftiger Altbürgermeister. Das, verbunden mit meiner inzwischen 18-jährigen kommunalpolitischen Erfahrung, will ich zum Besten für die Gemeinde einsetzen. Ob ich es dann gut gemacht habe, das entscheidet sich spätestens bei der Wahl 2020. Ich habe jedenfalls den festen Vorsatz, als Bürgermeister für Schnaitsee das Beste erreichen zu wollen. Wenn ich dieser Aufgabe nicht gewachsen wäre, würde ich nicht antreten.“

CSU und Freie Wähler treten gemeinsam an. Auf Bayern übertragen hört sich das an, als würden Seehofer und Aiwanger den Schulterschluss üben. Wie kann das funktionieren?

Schmidinger: „Das kann man definitiv nicht 1:1 übertragen. Die Liste hat sich gebildet, als es die Freien Wähler als bayernweit aktive Partei noch gar nicht gab. Unsere Freien Wähler sind Gemeindebürger, die sich aktiv in der Kommunalpolitik einbringen wollen, ohne dafür in eine Partei eintreten zu müssen. Insofern ist der Listenname irreführend. Eigentlich müssten wir uns in ,CSU und Parteifreie‘ umbenennen. Die Energie, die wir in den bürokratischen Aufwand für eine Umfirmierung stecken müssten, investieren wir aber lieber in unsere eigentlichen kommunalpolitischen Aufgaben.“

Welcher der beiden Gruppen gehören Sie an – der CSU oder den Parteifreien?

Schmidinger: „Ich war 15 Jahre als Parteifreier im Gemeinderat. Als sich herauskristallisiert hat, dass ich heuer fürs Bürgermeisteramt kandidiere, habe ich mich entschlossen, in die CSU einzutreten – auch im Hinblick auf die Kreistagskandidatur, weil ich der Meinung bin, dass der Bürgermeister von Schnaitsee die Belange der viertgrößten Flächengemeinde im Kreistag vertreten muss. Und ich sehe mich nicht im Lager der ,Freien Wähler‘.“

Dieser „Lager-Aspekt“ spielt offenbar auf Landkreisebene eine Rolle. Wie ist das in der Gemeinde?

Schmidinger: „Bürgermeisterwahlen sind Persönlichkeitswahlen und keine Wahlen nach Parteibuch. Die Wählerinnen und Wähler geben ihre Stimmen demjenigen, dem sie es zutrauen, dass er die Gemeinde voranbringt. Da ist es weitestgehend egal, ob einer schwarz, rot, grün oder lilablassblau ist. Er muss die Menschen überzeugen. Mit seinem Verantwortungsbewusstsein, seiner Sozialkompetenz und seinen Führungsqualitäten.“

Wo sehen Sie sich da?

Schmidinger: „In einer sehr guten Ausgangslage. Vor Verantwortung bin ich noch nie davongelaufen. Nicht als 19-jähriger Betriebsleiter im elterlichen Hof, nicht privat, nicht im Ehrenamt – ob als Schöffe oder als Gemeinderat. Es kann schon sein, dass es Kandidaten gibt, die ihr Verantwortungsgefühl erst im Wahlkampf entdecken. Das trifft auf mich sicher nicht zu.“

Wie beurteilen Sie Ihre Führungsqualitäten?

Schmidinger: „Ein neuer Rathauschef muss sich grundsätzlich im Klaren darüber sein, dass er die Leitung eines bestehenden Betriebs übernimmt. Ich werde der Verwaltung oder dem Bauhof nicht erzählen müssen, was sie zu leisten haben. Das wissen die. Aber bei meiner Vorgeschichte ist mir der Blick auf interne Betriebsabläufe nicht fremd. Als Aufgabe des Bürgermeisters sehe ich es zum Beispiel auch, hier Optimierungsmöglichkeiten zu finden und dann umzusetzen. Wenn etwas verbessert werden kann, dann geht das nur miteinander. Das werde ich meinen Mitarbeitern nahebringen. Und die können sich drauf verlassen, dass ich auch im Verhältnis zu ihnen meine politischen Leitmotive ins Zentrum stelle: Ehrlichkeit und Verlässlichkeit. Ich hab’s schon erwähnt: Das Rathaus, die Gemeinde ist ein Unternehmen. Da kann es nicht schaden, wenn Zahlen nicht der Feind des Bürgermeisters sind. Da wäre meine kaufmännische Ausbildung mit Sicherheit nicht zum Schaden Schnaitsees. Führungsqualität wird zum einen von fachlicher Kompetenz getragen, die ich für mich beanspruche, zum anderen von sozialer Kompetenz. Wesentliche Aufgabe des Bürgermeisters ist es, die Leute mitzunehmen: Wenn wir unsere Gemeinde voranbringen wollen, dann müssen wir in dieselbe Richtung rudern. Ich bin seit fast drei Jahrzehnten selbstständig, hatte immer Entscheidungen zu treffen und einen Betrieb zu entwickeln, was mir auch ganz gut gelungen ist. Diese Fähigkeiten muss ich mir nicht erarbeiten. Die habe ich.“

Apropos Betrieb: Was wird aus dem Ballauf-Hof, wenn Sie ins Rathaus einziehen? Oder wollen Sie die Amtsgeschäfte vom Hof aus führen?

Schmidinger: „Diese Frage ist mir schon öfter gestellt worden. Und wir haben sie natürlich auch in der Familie besprochen. In Schnaitsee haben wir einen hauptamtlichen Bürgermeister. Das heißt: Sein Arbeitsplatz ist primär im Rathaus. 40 Kühe plus Nachzucht versorgt man aber nicht nebenbei, die Feld- und Waldarbeit erledigt sich auch nicht von selbst. Für den Fall, dass ich Bürgermeister werde, haben wir eine Lösung gefunden, die von der Familie getragen wird und die den Betrieb sichert. Ich kann also mit ganzer Kraft ins Amt gehen.“

Herr Schmidinger, vielen Dank für das Gespräch.

Seitenfuss

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